


21 November
An dich ...
mein schweigender Freund.
Wusstest du, dass die Kraft des positiven Denkens
großartige Wunder vollbringen kann?
Ja., du kannst es mir glauben!
Ich habe es am eigenen Leib erfahren.
Letzte Woche. Da war ich nämlich sehr krank.
Mein zertrümmertes Bein machte mir zu schaffen.
Es war alles darinnen entzündet. Der Doktor sagte:
"Hm .. und oh .. na ja! Dann wolln wir mal ...
Diese Worte lösten in mir große Bedenken aus.
Wahrscheinlich war ich schwer erkrankt und dachte
wehmütig darüber nach, dass vielleicht nun alles
zu ende ginge mit mir.
Dass ich die Leckerdose nie wieder sehen würde!
Alle, die ich liebte und die mich liebten. Vorbei! Aus! Tot!
Ich ließ alles hängen. Meine Ohren, und was sonst noch
an mir hängt.
Aber Kleiner Bruder, der Allwissende, legte mir seine
Pfote auf das andere, gesunde Bein und sah väterlich
aus. So richtig urväterlich gemütlich sah er aus!
..."Sei einfach du selbst", sagte er. "So schnell kommen
die nicht. Die Männer in den schwarzen Anzügen.
Mit einem, für deinen Körper zugeschnittenen Karton
unter ihrem Arm, in den sie dich reinpacken , und den
Deckel drüber stülpen! Da passt ja noch nicht mal ein
Mettendchen mit rein. So eng ist es da drinnen. Willst
du das?"
"Nein! Natürlich nicht."
" Ohne Fresspaket geht man nirgendwohin", äußerte sich
Paps. "Wer weiß, wie lange die Männer in den schwarzen
Anzügen einen in solch eisekalten Kühlraum schieben,
und da liegen lassen, .. womöglich tagelang ... bis man
woanders hinkommt, nur weil Sonntag ist, Urlaub oder
Schichtwechsel. Was ist, wenn die mal streiken?
Du liebe Güte! Für solche Fälle gibt es aber verschiedene
Dinge, die haltbar bleiben. Salami zum Beispiel. Die mit
der weißen Pelle . Oder geräucherter Schinken.... hält
mindestens ein Jahr. Das passt rein. Und wenn es unterm
Deckel steckt!"
Eigentlich wollte ich weinen. (Was nutzt mir eine Salami,
wenn ich die Pelle nicht abkriege?)
Und Mamusch nahm mich in den Arm. Und den Yayo.
Und Kleiner Bruder noch links dazwischen. Paps kam
in den anderen Arm. Man sah ihn gar nicht mehr. Nur
noch das Haupthaar...
"Alles wird gut", sagte Mamusch. "Das ist immer so.
Wenigstens bei uns ist das so!"
Ja! Eine Familie ist was Wunderbares! Da hält einer zu
dem anderen. Egal, was passiert. Auch wenn jemand
daraus operiert wird, hält man zusammen. Jeder zaubert
seinen eigenen gutgemeinten Rat aus dem Hut.
Paps schrieb schon mal den Einkaufszettel und suchte nach
passenden Tüten für das Fresspaket. Eigentlich dachte er
daran, diese leckeren Frikadellen zu braten. Aber die
halten ja nur drei Tage.
Der Yayo verhielt sich unauffällig, und aß mir in den
folgenden Tagen nix weg.
Kleiner Bruder überließ mir sein nächtliches Lager und
verkrümelte sich auf das Ledersofa. Eigentlich hätte ich
auch sehr gern darauf genächtigt. Aber das Sofa war voll.
Mamusch machte nichts. Nur ein geheimnisvolles Gesicht.
"Alle Dinge haben ihren Namen", sagte sie und befahl
mich auf ihr Kuschelsofa.
"Atila Morgenstern! ... Du musst einfach etwas ruhiger
werden. In allen Dingen, die mal passieren können.
Und du solltest daran denken, dass alles ein Ende
hat. Nur die Wurst hat zwei, weißt du!"
Sie machte ihre Musik an. Die mit dem schönen
Wasserrauschen und dem Wellengang. Das hört sich
immer wieder gut an. Beruhigend und entspannend.
Und sie sagte mir, dass in jedem Wesen großartige
Wunder stecken. Man müsse sie nur zulassen. Und
raus lassen. Aber bevor ich sie raus lassen konnte, da
schlief ich ein. Es war ein wirklich so schöner Schlaf.
Ich träumte nämlich von Bratkartoffeln. Sie trugen
kleine Pantöffelchen mit dicken Speckschnallen daran.
Hinter den Bratkartoffeln marschierten zusammen
gerollte Kochschinken wie eine Armee im Gleichschritt,
und sahen mit ernstem Gesicht an den Bratkartoffeln
vorbei. Kleiner Bruder jonglierte mit seinen herrlich
knusprigen Frikadellen, aus denen neugierig die
würzigen Geschmacksverstärker heraus lugten. Er war
sehr konzentriert bei der Sache. Es fiel leider keine
herunter, die ich hätte auffangen und futtern können.
Zwischendurch die Stimme von Mamusch, ich solle
meine wunderbringende Kraft raus lassen, wenn
möglich, in diesem Augenblick. Dann sah ich die
Salami mit der weißen Pelle auf mich zu tänzeln.
Ja, ... tatsächlich! Sie legte einen Striptease hin, der
wirklich nicht von schlechten Pfoten war, und ...
wickelte sich aus der Pelle, bis sie ohne alles vor mir
stand. Aufrecht! Beschämt wollte ich weggucken. Aber
ich hatte doch solchen Hunger... dann wieder die
gleichbleibende Stimme von Mamusch, ... ich möge doch
die Schwingungen meines Energiefeldes wahrnehmen.
Es war so aufregend! Die Kochschinkenarmee formierte sich.
Kreiste die Bratkartoffeln ein. Ging zum Angriff über.
Es entbrannte ein mächtiges Gemetzel. Ein Knäul aus
Kartoffeln, Kochschinken und Pantöffelchen, dazwischen
die hüllenlose Salami. Mamusch Stimme, ... dass mein
Stirnchakra sich nun emotionell auf die Operation
vorbereite ... und ich leider am Vorabend des Geschehens
nix mehr zu essen kriege! Basta! Kleiner Bruder sammelte
die Pantöffelchen ein und knabberte sie weg. Einfach so.
Auf dem Schlachtfeld lagen leblos die Kartoffeln. Der
Kochschinken rollte sich wieder zusammen und ging an
mir vorbei. Hämisch grinsend. Nur die Salami blieb bei
mir. Ihr Duft war betörend. Als ich meine Schnüss
öffnete, um hineinzubeißen, wieder die sanfte Stimme
von Mamusch ... dass sie nun rückwärts von Neun bis
Null zu zählen begänne, und ich optimal auf meinen
wichtigen Tag vorbereitet sei. Welch ein Drama. Bei
Vier nahm die Salami ihre Pelle und warf sie gekonnt
über die leblosen Bratkartoffeln. Paps erschien auf dem
Schlachtfeld. Und schnitt die Salami mit ernstem Gesicht
in hauchdünne Scheiben.
"Es gibt Momente im Leben, die man einfach akzeptieren
muss", flüsterte Mamusch bei Null, und ausgehungert sah
ich eine der leckeren Scheiben vor meiner Stirn hin und
her pendeln. Gern hätte ich diesen Traum weitergeträumt,
schon allein aus dem Grund, um zu erfahren, was denn
nun aus dem Kochschinken geworden war. Leider träumte
ich die darauffolgende Nacht einen anderen Traum.
Dann wurde ich operiert. Es war schon schlimm. Aber wer
tapfer bleibt, wird ein Held. Abwechselnd hielten Paps und
Mamusch meine Pfote. Mitunter fühlte ich ein bisschen
Sabbel von Kleiner Bruder auf meinem Gesicht. Die
federleichte Berührung von Yayo ... Ja! Es ist gut, wenn
man eine Familie hat. Ehrlich!
Liebes Tagebuch, es war eine harte Woche.
Aber wie Mamusch schon sagte ... "Alles wird gut."
Endlich ist all das Eisen raus und siebzehn lange
Schrauben.
Vielleicht werde ich irgendwann einmal wieder richtig
laufen können. Vielleicht auch nicht. Hauptsache,
ich werde geliebt.
Auf bald, mein lieber, alles verstehender Freund.
Dein Atila Morgenstern


21.12.2010
Guter Freund ...
Ich habe Sehnsucht nach deinem Schweigen.
Bald ist Weihnachten. Ich werde glücklich sein.
Und der Yayo ist glücklich. Weil er noch nie ein
Weihnachten hatte. Kleiner Bruder bleibt eher
gelassen. Und souverän. Wie ein Philosoph mit
ohne Rüssel eben sein sollte. Auch an Weihnachten.
Mamusch und Paps haben entschieden, dass wir
keinen Weihnachtsbaum in die Stube stellen.
Weil der Yayo die Goldsterne stibitzt. Und den
Strohengelchen in ihre offenen Münder schaut,
um sie danach aufzufuttern. Aus seinem Popo kam
gestern eine Strohgirlande heraus. Mit ernster Miene
stellt Mamusch nun wunderschöne Kerzen auf den
Tisch. Auch mit Rücksicht auf diejenigen, die kein
Weihnachten haben. Die noch nie eines hatten.
Die Hauptsache bleibt, sagt sie, dass wir uns
liebhaben. Jeden Tag. Und jede Stunde. Jede Minute.
Und dass wir uns nie verlieren. Vielen anderen
ergeht so. Und das ist traurig. Gerade an solchen
Tagen. Natürlich hat sie alle Wunschzettel eingesammelt
und diese auf den Fenstersims gelegt. Paps hatte einen
richtig hellen Schein über seinem Haupthaar liegen,
während er nach draußen ging und nachsah, ob und
wer sie wohl abgeholt hat, ... es war sehr, ja, wirklich sehr
geheimnisvoll. Ich bin so aufgeregt, weil ich mir einen
Kauknochen wünsche, der immer wieder nachwächst,
je länger man daran knabbert. Yayo wünscht sich,
nie wieder sein Zuhause zu verlieren. Kleiner Bruder
hat seinen Wunsch nicht verraten. Weil er sonst nicht
in Erfüllung geht. Paps hat keine Wünsche. Er ist immer
zufrieden mit dem, was er bekommt. Guter lieber Paps ...
"Ich wünsche mir auch nichts", vertraute vorgestern
Mamusch mir an. "Keine warmen Socken, weil ich die
von Paps anziehe, und auch keinen Pullover, nämlich Paps
seine sind viel gemütlicher!" (Aber ich soll es unbedingt für
mich behalten! Sag du also auch nix)! Ich weiß aber, dass
sie gern etwas mehr Platz im Haus hätte. Für die, die an
diesen heiligen Tagen weinen. Weil sie sich so gern eine
Familie wünschen. Und ein Zuhause. So wie ich eines
bekommen habe. Und der Yayo. Und kleiner Bruder. Wir
denken sehr oft an die Kameraden, denen es so ergeht.
Denn ich habe nicht vergessen, dass es mir einmal auch
so erging. Damals auf der Straße. Als die Menschen an mir
vorbei gingen. Sie sahen einfach in eine andere Richtung.
Auch als mein Magen ganz laut knurrte, sahen sie weg.
Sie sahen auch nicht zu denen, die an den Hauswänden
lagen und froren. Wahrscheinlich hatten sie keine Zeit.
Gerade zu Weihnachten haben die Menschen viel zu tun.
Sie drängeln sich durch die Geschäfte und sind mit
unzählig vielen Paketen beladen. Sie überlegen, ob sie
eine Gans oder einen Rehbraten auf den festlich gedeckten
Tisch stellen sollen. Manchmal kaufen sie auch unsinnige
Geschenke ein. Die eigentlich gar keiner braucht. Und will.
Nein ... Ich habe nichts vergessen. Nichts aus meinem
zertrümmertem Leben. Niemand von meinen Kameraden
wird es wohl anders ergehen, der ein Glück bekommen hat.
Weil es nichts Schöneres gibt, als Liebe zu erfahren. Und
Gerechtigkeit. Das sind nämlich zwei sehr wertvolle Geschenke.
Der Stern ist wieder da. Er war einige Zeit nicht zu sehen. Ich
frage mich, wen er wohl hin in das Anderland getragen hat ...
Vielleicht wird er es verraten, sobald Mamusch mit uns hinaus
geht vor das Haus, damit wir unsere guten Wünsche hinauf in
den Himmel werfen können. Und unsere Gebete für die
Glücklosen. Yayo möchte für Blue und Nico beten. Niemand hat
sie bisher bemerkt. Oder zu ihnen herüber geschaut. Sie sind
einsam. Manchmal findet man dort sein Glück, wo man es nicht
vermutet, sagt Kleiner Bruder. Man muss nur ein wenig genauer
hinsehen. Ich habe vier äußerst wichtige Wünsche ... zuerst aber
möchte ich dir danken, liebes Tagebuch. Mein alles verstehender
Freund. Ich möchte auch Paps danken. Dafür, dass er uns alle
liebt. Jeden Tag. Und jede Stunde. Mit einem Lächeln auf
seinen Lippen. Und mit dem hellen Schein über seinem Haupthaar.
Ich möchte denen danken, die ihren Weg zu diesen Zeilen
gefunden haben. Die vielleicht noch ein klitzekleines Plätzchen
frei haben. Oder frei machen können. Für die, die frieren.
Die hungern. Die weinen. Für die Hoffnungslosen. Die trotzdem
nicht aufgeben, weil ihnen nichts anderes geblieben ist, als sich
ein Leben zu erträumen. So wie ich mir meines erträumte. Und
der Yayo sich seines erträumte.
.. Lieber Gott.
Wenn du jetzt gerade einen Augenblick Zeit hast, dann lass doch
ein kleines Wunder geschehen. Oder ein etwas größeres. Für meine
Kameraden. Und für all die anderen Tiere auf dieser großen Welt.
Die nichts anderes schenken können als ihre Liebe und ihre Treue.
Wenn du danach noch ein bisschen Zeit übrig hast, dann bitte ich
dich, beschenke auch die Menschen. Gib ihnen Kraft. Für diejenigen,
die ihre verloren haben. Und wirf deinen Atem über jene, die es uns
ermöglichen, unseren Traum zu leben. Denn Mamusch sagt ; alles
Leben ist von deiner Hand berührt worden. Das aufrecht gehende.
Das immer wieder neu erblühende. Und wir. Die Tiere.
Es ist doch Weihnachten ... Danke lieber Gott.
PS. Und bitte entschuldige, dass es mich wieder überkam vor einigen
Tagen. Als Mamusch diesen leckeren Erbsen- und Möhrcheneintopf
für zwei Tage gekocht hat und ich meinen Gurkenhals formte, um
in den Topf zu gelangen. Ja. Es tut mir leid. Auch deshalb, weil
der Yayo Schmiere gestanden hatte und ich versehentlich alles
alleine aufgefuttert habe. Auch die Mettenden und die Kohlwurst.
Ich weiß, dass ich wenigstens die Speckwürfelchen hätte abgeben
können. Dafür aber hat der Yayo meine Milchstange geklaut. Also
ist alles wieder gerechterweise im Lot. Kleiner Bruder hat zum
Glück nichts davon erfahren. Weil er um diese nachtschlafende
Zeit seinen Popo lüften muss ... er ist nun mal sehr reinlich.
Gesegnete, hoffnungsvolle Weihnacht allen Tieren und Menschen.
Atila Morgenstern

Liebes Tagebuch
... "Ich muss gehen", sagt Wanja zu ihrem Pflegefrauchen.
Doch auch wenn ich fort bin, dann halt mich ganz fest ...
Wenn du über mich redest ... und von mir träumst.
Wenn du mit mir lachst ... während du um mich weinst.
Halt mich auch fest, wenn du schweigst ... und an mich denkst.
Wenn du mich so festhältst, ganz fest, ... dann bleibe ich dir nahe.
Dicht neben dir. Während du weinst. Und lachst.
Und von mir träumst ...
Wanja ist gestorben.
Und zog mit dem Stern.
Die sie von Herzen liebten, sind sehr traurig.
Doch Wanja sagt ; "Ich werde nicht mehr leiden. Und weinen.
Ich darf glücklich sein. In einer anderen Welt. Unter einem
anderen Himmel. Unter einem prachtvollen, mit blassblauen
Wolken durchzogenen Himmel werde ich dem Wind hinterher
jagen und glücklich sein."
Wir wünschen dir Glück, Wanja. Ganz viel.
Den Menschen, die dich in deinem Leid allein gelassen haben, wünschen wir kein Glück.
weiter